Der Glasschirm der „Gradient Lamp“ von Studio WM ist nur teilweise getönt.

Mit Farbe wohnen macht glücklich. Das Dilemma ist oft nur: Pastellfarben sind zu niedlich. Knallfarben zu laut. Wer dann nicht vor lauter Not auf die sichere Nummer Greige (Grau-Beige) zurückgreifen will, wählt in dieser Saison Farbverläufe! Denn sie sind ein bisschen was von allem: Zart, stark und vieles dazwischen…

Farbverläufe a la Scholten & Baijings: Das Amsterdamer Design Duo hat die fließende Art des Farbeinsatzes initiiert…

Wer hats’ erfunden? Die Holländer! — müsste man fairerweise zugeben. Denn auch wenn man auf der diesjährigen Möbelmesse überall Farbverläufe sah, die Ersten, die so mit Farbe umgingen, waren Scholten & Baijings. Das Amsterdamer Designer-Paar arbeitet seit über zehn Jahren zusammen und immer war die verlaufende Farbe mit im Spiel. 2007 trafen sie auf Thomas Eyck, niederländischer Design-Kurator mit eigenem Label, der ihre Kissen und Plaids sofort haben wollte. Handgewebte Merinowolle in Kirschblüten-Pink, Sonnenblumen-Gelb, Yves-Klein-Blau… in einem ganz eigenen Verlauf und mit etwas Neon gespickt — „das gab es damals nicht“ sagt Eyck rückblickend. Egal ob Textilien oder Möbel von Scholten & Baijings: Ihre Farben scheinen zu tanzen! Für Schönbuch entwarfen die beiden seitdem Flurschränke, für Pastoe Kommoden, für Hay Geschirrhandtücher und Bettwäsche — und immer funktionierte ihr Trick.

… und perfektioniert: Ob Geschirrhandtücher für Hay oder ein Schuhschrank für Schönbuch — der Scholten & Baijingsche Farbverlauf steht eigentlich allem.
Und alles ist im Fluss… Die Farbe der „Gradient Lamp“ von Studio WM läuft von der Kordel in den Glasschirm über.

Wie es noch funktionieren kann, zeigt Wendy Legro mit den Deckenleuchten für ihr Studio WM: Die Farbe des Stromkabels, an dem sie hängen, scheint den Glasschirm hinabzulaufen und ihn so langsam einzufärben. Während der obere Bereich schon undurchsichtig ist, ist der untere noch transparent: Das ergibt ein wunderschönes Designstück — und einzigartig eingefärbtes Licht.

Die Rotterdamer Textildesignerin Franziska Wernicke liebt Farbverläufe, weil sie einen 3-D-Effekt haben.

Textildesignerin Franziska Wernicke beleuchtet mit den Teppichen ihrer „Room moments collection“ die architektonische Wirkung von Farbverläufen: „Die Teppiche lassen Farbverläufe zu Schatten werden und heben die zweidimensionale Fläche in die dritte Dimension“ erklärt sie. Mit ihren Teppichen ist es wie bei einem Abendroten Himmel: Durch die fein abgestuften, ineinander fließende Farben, taucht man in die Fläche ein und schwimmt mit den Augen durch das Farbmeer.

Stand der Sonnenuntergang vor Capri Pate für die neuen, auffällig eingefärbten „Bikini“-Stühle von Werner Aisslinger für Moroso — oder doch eher ein Cocktail?

Ob Werner Aisslinger am Strand war, als er seinen neuen Stuhl „Bikini“ für Moroso entwarf? Sie erinnern mit ihren Farbverläufen aber auch an Cocktails — „Piña Colada“ und „Kir Royal“ könnten sie sich gut nennen. Ihren sommerlichen Namen tragen sie aber eigentlich aus einem ganz pragmatischen Grund: Sie wurden für das neue „25 hours Hotel“ in Berlin entworfen, dass im sogenannten „Bikini“-Areal liegt. Auffällig: Ihre zeitlosen Formen und das schlichte Holz werden erst durch den extravaganten Anstrich „ganz 2013“. Ohne Farbverlauf hätten sie auch ein Entwurf aus dem Jahr 2010 sein können, oder noch früher. Aber die langsam ineinander überlaufene Farbe ordnet sie klar in dieses Jahr ein (einem Jahr, in welchem übrigens auch in der Mode Farbverläufe Trend sind).

Farbverläufe verleihen Objekten eine sommerliche Leichtigkeit — wie zum Beispiel die Ballonleuchten von Colonel beweisen.

Die beiden Designer des Pariser Studios Colonel schaffen es dank Farbverläufen sogar ihren metallbeinigen Entwürfen einen zuckrigen, aber nicht übersüßten Touch zu verleihen: Bei ihrer Stehleuchte ruht zum Beispiel ein weißer Stoffballon auf einem Metallkörper, dessen Ober- und Unterseite wie in Farbe gedippt aussehen. Zu den Öffnungen hin ist der Stoff stärker koloriert, als in der Mitte: So wird seine Raffung und bauchige Form betont und er scheint fast abzuheben.

Nur ein Hauch von Farbe: Teeservice von Arita/ Thomas Eyck
Laufen blau an: Die Stühle von Designers Guild

Aufmerksamkeit erhaschen,  ohne laut zu sein (zum Beispiel durch Muster, Prints oder wilde Formspielereien) — das können zur Zeit nur Objekte mit Farbverlauf! Selbst wenn sie noch so klein und alltäglich sind, wie die Notizbücher oder –Zettel von Hays’ aktueller Kollektion. „Unsere Arbeit ist minimalistisch, aber zugleich detailreich und mit einer kräftigen Farbpalette“ — so fassten Stefan Scholten und Carole Baijings ihren Farbverlaufs-geprägten Stil einmal zusammen. Ein bisschen erinnert dieser Trend auch an die Kunstgeschichte und wie der Impressionismus mit seinen fließenden Farbflächen den nackten Naturalismus ablöste. Vielleicht wollen die Designer jetzt auch wieder mehr Emotionen ausdrücken — ohne dafür die geliebten, klaren Formen zu opfern. Ein Objekt komplett in Farbe oder Muster zu hüllen ist sehr plakativ. Das Aus- und Einblenden von Farbe ist subtiler, feinsinniger. So sind die neuen Farbverläufe Rettung für kühle Einrichtungen, genauso wie für sehr extravagante: Denn sie lockern ihre Starsinnigkeit auf. Es könnte keinen lässigeren Sommertrend geben!