Spot an, für die neuen Ideen der jungen Designergeneration! Zum Beispiel den PET-Lampen von Alvaro Catalán de Ocón

Während die großen Namen der Designszene auf dem Messegelände der Mailänder Möbelmesse gefeiert wurden, zeigten sich die Newcomer etwas außerhalb davon. Wer hier nach schockierenden Ideen oder lauten Hinguckern suchte, wurde enttäuscht. Denn die junge Designergeneration schlägt eher leise Töne an. Oder stellt sich Fragen wie: was, wenn Sofakissen sprechen könnten? Oder tun sie das und wir hören es nur nicht?

Was für ein Mauerblümchen! Kommt man Svenja Keunes’ Entwurf nahe...
...fängt er an sich zu bewegen und Geräusche von sich zu geben (www.svenja-keune.de)

Svenja Keune beschäftigt sich seit circa zwei Jahren mit Fragen wie diesen. Entstanden sind daraus „Lomelia“, „Mocoleme“ und „Estoban“ : drei interaktive Stoff-Objekte, die von weitem aussehen, wie eine Pflanze. Kommt man ihnen aber näher, fangen sie sich plötzlich an zu bewegen und Geräusche zu machen. In Ventura Lambrate in Mailand, dem Bereich in dem Newcomer ihre neuesten Arbeiten zeigten, konnte man deshalb immer wieder beobachten, wie sich Besucher langsam Svanja Keunes’ Arbeiten näherten und dann leicht aufgeschreckt zurückschreckten, wenn diese plötzlich reagierten. „Können Textilien beim Menschen Emotionen hervorrufen?“ lautete Keunes’ Fragestellung. Die Antwort darauf war offensichtlich! „Typisch für mich sind Projekte, die eine besondere, haptische Qualität besitzen und die sich zwischen den Stühlen bewegen. Ich finde es einfach spannend Textildesign mit allen möglichen anderen Disziplinen in Verbindung zu bringen. Deswegen können meine Textilien mit dem Betrachter kommunizieren.“

Micromoler hat der Neonröhre eine neue Chance gegeben und sie in Holz und Leder gekleidet. So und dank der Lichtschlitze wird „Kalis’“ Licht behaglich (www.micomoler.com)

Um Gefühl geht es auch Mariana Lermavon, Boris Miranzo , Consuelo Duarte und Monica Thurne von dem spanischen Designstudio Micomoler, allerdings mit einem anderen Ansatz: „Wir lieben die Ehrlichkeit von unbehandelten Materialien. Deshalb versuchen wir Handwerkstechniken zu finden, die diese Materialien für sich sprechen lassen - ohne in der Designsprache unmodern zu werden.“ So verstaut ihre Hängeleuchte „Kali“ eine Neonröhre in einer Box aus hauchdünnem Eichenholz, deren einzelnen Seitenteile so lose zusammengesetzt sind, dass das Licht aus ihnen strömt, wie die gleißende Mittagssonne durch die Spalten einer Jalousie. „Kali“ wird dann in Lederschlaufen gehängt und mit ihnen an der Decke befestigt - Micomoler sind eben konsequent in ihrem Ansatz - ohne offensiv zu sein. So erklärt Marianna Lermavon: „Unsere Arbeit soll für ihre friedvolle Schönheit stehen, als ein Ergebnis mit dem sorgsamen und ehrlichen Produktion.“

Keine ist wie die andere, aber alle sind farbenfroh und aus recyceltem PET. Lampen-Projekt von Alvaro Catalán de Ocón (www.petlamp.org)

Dieses umsichtige, sehr überlegte Umgehen vor allem mit dem Handwerk und den Materialien verbindet viele Newcomer. Manche, wie der Spanier Alvaro Catalán de Ocón, versuchen sogar ökonomische und soziale Probleme mit ihren Entwürfen zu verbessern – die Welt ein bisschen besser zu machen. Bei einer Reise nach Kolumbien wurde Alvaro Catalán de Ocón auf das gewaltige Plastikmüll-Problem aufmerksam, dass dort herrscht. Seine Idee: das Plastik wiederverwerten, indem es Einheimische in schmale Streifen schneiden und in ihrer traditionellen Flechttechnik zu neuen Objekten verarbeiten. Wer jetzt die fröhlich-bunten, wie Reifröcke geschwungen Lampenschirme seines  „PET“ Projektes anschaut, der kann nicht glauben, dass dies einmal Müll war!

Benedict Achatz scheint ein Spezialist für Garderoben zu sein: Seine Entwürfe „TimTom“...
...und „Jame“ sind jedenfalls genial simpel (www.benedikt-achatz.com)

Was aber sind die Formen von morgen? „Solche, die nicht gleich alles offenbaren!“ antwortet Benedikt Achatz darauf. Er zeigte auf der Mailänder Möbelmesse kürzlich Garderoben, die genial sind – und völlig ohne großen Formen-Firlefanz auskommen. „James“ ist ein Kleiderhaken und Bügel in einem: sein Bügel ist so gebogen, dass er an die Wand geschraubt werden kann und Jacken trotzdem noch lässig über deine metallenen Schultern gehängt werden können. „Stimmt!“, denkt man, wenn man „James“ anschaut. „Warum sollte man einen Kleiderbügel und einen Haken kaufen, wenn doch beide Aufgaben in einem Produkt so einfach vereint sein können. Benedikt Achatz sagt dazu: „Ich zitiere gerne bekannte Bilder und versuche dann den Leuten ein "aha" zu entlocken. Schön, wenn das mit einer reduzierten, klaren und ehrlichen Form klappt.“

„Isla“ sieht aus wie ein Puzzle für den Boden – zusammengesetzt hat es die Designerin Joa Herrenknecht aber schon! (www.joa-herrenknecht.com)

Joa Herrenknechts Entwürfe verzichten ebenfalls auf unnötige Schnörkel. Starke Linien verbinden sie mit sinnlichen Farben. Wie bei dem Teppich „Isla“: Woll-Dreiecke und -Quadrate sind dort puzzleartig zu einem Ganzen zusammengesetzt. Aufgelockert wird ihre strenge Anmutung durch intensives Orange, sanftes Salbeigrün und ein wellenartiges Muster an einem Ende des Teppichs. Auch die Kerzenhalter „Tila“ der kanadischen Designerin werden wie ein Puzzle auf dem Tisch zusammen gelegt. Sie sind aus Marmor, Kupfer und Eichenholz: drei (Trend-) Materialien mit einer jeweils ganz unterschiedlichen Ausstrahlung, die gemeinsam die Sinne des Betrachters kitzeln. Sinnlichkeit buchstabiert Joa Herrenknecht wie viele andere, junge Designer also ganz subtil.

Kristine Five Melvær kann Holz so aussehen lassen, als sei es Wachs: Weich und ganz geschmeidig geformt (www.kristinefivemelvaer.com)

Kristine Five Melvær ist eine von ihnen. Ihre „Soft Bowl“ aus handgedrechseltem Birkenholz hat so weiche Rundungen, als wäre sie aus Wachs geformt. Und selbst die Maserung des Holzes scheint besonders fein zu sein! Selten hat Natur so einen sinnlichen Charme wie bei den Entwürfen der norwegischen Designerin.

Die Leuchten „Sirens floating“ von Olga Bielawska sehen ein bisschen aus wie sehr edle Pilze (www.bielawska.de)

Sie könnten laut „Hier!“ schreien, mit Farben und Formen nur so klotzen, alle vorherigen Epochen zitieren und die, die kommen vorwegnehmen – viele der Entwürfe von den Newcomern sind aber  eher zurückhaltend, wollen ganz höflich mit ihren Geschichten, ihren Werten (Handwerk!) und ihrem Charme erobern. So beschreibt die polnisch-hamburgische Designerin Olga Bielawska ihre Leuchten „Sirens“ auch als „Objekte, die auf eine sehr poetische Art und Weise anziehen“. Und tatsächlich: irgendwas hält die Blicke auf den pilzartig geformten Kupfer-Köpfen, man verfolgt ihren rotierenden Schliff und verliert sich darin wie in einem Strudel. Fragt man die Designerin, was typisch Olga Bielawska ist, antwortet sie: „Es ist überraschend und wird nicht das sein, was man erwartet.“ So steht es wohl auch mit dem Design der Zukunft